LESERBRIEF

Vor vielen, vielen Wochen lebte eine große Hoffnung in Europa auf. Impfstoffe, die in wirklich anzuerkennender Weise, sehr schnell und produktionsreif entwickelt wurden, sollten den Weg in eine neue Normalität ermöglichen. Eigentlich ist heute zu antizipieren: kein Weg führt zurück in das alte Leben.

So wurde das Debakel zu wenig Impfstoff zur Verfügung stellen zu können, anfangs negiert, später werden Fragen nach Ursachen gestellt. Deren Beantwortung ist wichtig, um für die Zukunft zu lernen, aber es werden keine schnell zu realisierenden Lösungen angeboten. Der Vertrauensverlust in die Politik wird sich beschleunigen.

Falls sich das Tempo nicht wesentlich erhöht, wird eine „Durchseuchung“ der Bevölkerung als Folge der neuen Mutanten nicht zu verhindern sein. Diese Entwicklung galt es, nach politischem und gesellschaftlichem Konsens immer zu verhindern, um die Überforderung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Aber ganz oben steht die Frage, wie viele Menschen könnten noch leben und oder hätten einen milderen Krankheitsverlauf mit einer frühen Impfung durchleben können?

Was ist passiert? Es wurde seitens der EU auf’s Geld geschaut. Geiz an der falschen Stelle. Als wenn der Rechnungshof vor dem Hintergrund einer Pandemie Fragen zur Wirtschaftlichkeit hätte stellen können. Das war ja als Argument der Rechtfertiger auch zu hören. Nun droht die EU. Bloß, wer soll Angst vor ihr haben? Die Verfechter der Marktwirtschaft haben offensichtlich die Marktwirtschaft nicht verstanden. Einige EU-Parlamentarier/innen rutschen aktuell in ihrer Ohnmacht im sprachlichen Niveau ab, ein Zeichen ihrer Hilflosigkeit. Umso wichtiger ist es, jetzt mit Sorgfalt und Tempo den Impfprozess voranzutreiben.

Lehren für die Zukunft: Der Markt kann und wird es nicht richten. Wichtige Bestandteile der Gesundheitsversorgung, von Medikamenten, über Impfstoffe bis hin zu Hygienemitteln, darf nicht Unternehmen überlassen werden, die Rendite als wichtigstes Ziel verfolgen. Investitionen in den Schutz von Menschen und die Ausweitung von Produktionskapazitäten werden hier nur bei positiver Risikoabschätzung und absehbarem Absatz getätigt. Das kann nicht funktionieren, wenn Menschen geschützt werden müssen und Investitionen ohne Gewinngarantie notwendig sind. Das kann nur der Staat oder die Gemeinschaft der Bürger und Bürgerinnen in der EU leisten.

Zu spät bestellt und falsche Sparsamkeit sind die Ursachen des Impfdesasters. Frühzeitiges Sichern von Produktionskapazitäten auf Vorrat ähnlich wie in Großbritannien wäre der richtige Weg gewesen.

Bis heute werden an Einrichtungen der Altenpflege in NRW Masken ohne gültige Zertifizierung verteilt. Ihre Schutzwirkung ist weder überprüft noch nachgewiesen. Hier wird also auch z. B. seitens von einigen Anbietern geschummelt – zu der Lasten der Menschen.